Vivienne Westwood gibt nur sehr selten Interviews. MYBESTBRANDS-Gründer Moritz Seidel konnte sie überzeugen, sich mit ihm zu treffen. Er ist nach London geflogen und hat an der Themse mit ihr gesprochen.

Sie ist die wohl politischste Designerin der Modewelt: Vivienne Westwood macht nicht nur Mode, die uns die Augen öffnet, sondern setzt sich wie keine andere für die Erhaltung der Umwelt ein. Uns hat sie erzählt, warum gerade Venedig ihr so sehr am Herzen liegt und der Kampf gegen den Klimawandel eine Lebensaufgabe ist.

Vivienne Westwood
MYBESTBRANDS: In Ihrem Leben haben Sie sich oft gegen die allgemeine Haltung der Gesellschaft positioniert, waren also immer „dagegen“. Jetzt hingegen setzen Sie sich für etwas ein, nämlich die Umwelt und den Kampf gegen den Klimawandel.

Vivienne Westwood: Was mich motiviert, ist etwas gegen das Leiden von uns als Menschen zu unternehmen. Das ist das Ansinnen von fast allen Aktivisten. Ich glaube, Glück ist die Freiheit seinen Wünschen und wirklichen Interessen zu folgen. Ich sehe es deshalb als meine Aufgabe an, die Welt in der ich lebe, zu verstehen und zu einem besseren Platz für mich und andere zu machen. Ein Freund von mir lehrte mich, die Wichtigkeit der Vergangenheit zu schätzen. Ich sage dies, weil ich wie die Meisten in einer Generation aufgewachsen bin, in der man die Vergangenheit, also das Alte ablehnt, weil das Neue doch so viel besser und schöner ist. Wir sollen bitte schön immer am Puls der Zeit sein und alle Trends mitmachen. Und die Vergangenheit solle man vergessen, denn sie würde uns beschränken und sei eigentlich nur „Abfall“. Diese Idee ist eines der schlimmsten Übel unserer Zeit.

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Aber wie passt diese Einstellung mit der schnelllebigen Modebranche zusammen?

Erst vor Kurzen sagte ich zu meinen Fashion-Studenten, die eigentlich künstlerisch angehaucht sein sollten: Kopiert die Vergangenheit, das, was schon da ist, das Traditionelle, das Bewährte! Die typische Fashion-Schule lehrt eigentlich, dass sie nichts kopieren sollen! Sie lernen vor allem, sich von den Modemagazinen inspirieren zu lassen um dann zu versuchen, ihr Eigenes daraus zu kreieren, was auch immer das sein mag. Ich sagte, dass sie bald ausbrennen werden, wenn sie von einem zum nächsten springen und dass ihnen zum Schluss nichts bleibt als dann ihren Scherbenhaufen analysieren zu können.

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Was raten Sie Ihren Modestudenten denn dann?

Ich würde ihnen raten, etwas anderes zu machen. Wenn sie glauben, alles was sie als Modedesigner machen, ist in Magazinen zu stöbern – dann sollen sie etwas anderes machen. Findet etwas zu tun, das besser ist als Fashion!

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Wie kamen sie dazu Aktivist zu sein?

Natürlich startete ich als Aktivist als Teilnehmer von Demonstrationen, in den 70er Jahren als der Vietnamkrieg und die Hippiebewegung im vollen Gange waren und wir wollten auf das Missmanagement in der Welt hinweisen und die Kontrolle durch eine kleine Gruppe Menschen, die das Böse repräsentieren… und leider hat sich an dieser Tatsache nichts verändert und natürlich können wir über die Menschen reden, die die Welt heute beeinflussen, aber die wissen einfach nicht, was sie tun, sie regieren nur noch anstatt zu agieren und sind einer Hirnwäsche unterzogen und darauf programmiert, alle gleich zu denken, und natürlich hilft ihnen dieses gleichgeschaltete Denken zufälligerweise auch noch, reicher und noch wichtiger zu werden und das ist, was sie natürlich wollen.

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Was ist für Sie das drängendste Problem, wenn Sie an die Zukunft denken?

Wir müssen wirklich an der Nachhaltigkeit arbeiten. Wir haben auch schon angefangen, in Schulen darüber zu sprechen. Und wir haben unsere Website ClimateRevolution.co.uk erstellt. Wenn jeder Mensch nur schöne Dinge kaufen würden, die wir wirklich verwenden, und nicht immer nur das Neueste vom Neuesten, hätten wir keinen Klimawandel. Die ständige Überproduktion und dieser Überkonsum belastet unsere Umwelt extrem. Ich habe ein Pamphlet erstellt, auf das ich sehr stolz bin. Ich bin sehr gut darin, Dinge auf den Punkt zu bringen und auszuformulieren.

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Erzählen Sie uns bitte etwas mehr über ihre Bewegung, in der Sie großen Wert auf die Mitarbeit von Intellektuellen legen.

Unsere Bewegung ist noch limitiert. Aber unser Ziel ist es, die Regierung in England wachzurütteln. Die Idee des Konzeptes ist es, das jeder mitmachen kann. Denn ich denke, jeder kann ein Intellektueller – und damit jemand, der sich mit der Vergangenheit auseinander setzt – sein.

Meine Definition von heutiger Intellektualität ist, die Welt zu verstehen in der wir leben und meine Position/Aufgabe darin und was ich machen kann. Ein Intellektueller muss natürlich nicht nur die Gegenwart kennen, sondern auch die Vergangenheit um die Zukunft zu kritisieren. Leider habe ich aber nicht die Zeit, alle Dinge, die ich gerne über die Vergangenheit lesen möchte, zu lesen. Was ich aber eigentlich sagen möchte: Selbst Kinder, die noch nicht vollkommen ausgebildet sind, können intellektuell sein, denn sie machen etwas um eine Veränderung hervorzurufen.

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Wie sieht Ihre erste Kampagne, die den Namen #LoveVenice trägt, aus?

Wir möchten Designer zusammenbringen und sie dazu zu bringen, Venedig zu retten. Wir müssen uns natürlich auch für Erhaltung der Weltmeere und der Regenwälder starkmachen. Aber Venedig ist der erste Punkt auf unserer To-do-Liste. Denn Venedig steht wie ein Symbol für die Welt. Wenn wir dort eine Lösung finden, ist es möglich, eine globale Lösung zu finden. Wir arbeiten mit der jungen Wissenschaftlerin Contessa Jane da Mosto zusammen. Sie hat die verheerende Wirkung von großen Kreuzfahrtschiffen, die vor Venedig ankern, untersucht. Wir adressieren große Fashion Labels wie Prada und hoffen, dass sie politisch aktiv werden.

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Die Kampagne #LoveVenice

Denken Sie beim Wort „Venedig“ immer noch an beschauliche Gassen, romantische Kanäle und unberührte Geschichte? Das war einmal, denn vor allem die großen Kreuzfahrschiffe, die unkontrolliert Wasserwellen auf die nicht ausreichend befestigten Mauern der Häuser drücken, zerstören die Schönheit der Stadt. Massenhaft Touristen, die nur für ein paar Stunden kommen und Unmengen von Müll hinterlassen, kommen noch hinzu. Für Vivienne Westwood ist dies ein Zustand, der nicht mehr hinzunehmen ist. Für sie ist Venedig nicht nur ein Einzelfall, sondern ein Spiegelbild für die Welt. Anfang April startete Vivienne Westwood die Kampagne #LoveVenice.

Auch in ihrer Frühjahr/Sommer-Kollektion 2016 widmete sich Vivienne Westwood ihrem Herzensthema. Die Entwürfe tragen den Namen „Save Venice“ und sind vom venezianischen Karneval inspiriert. Mit dem deutschen Star-Fotografen Juergen Teller nahm die Designerin in den Gassen, Kanälen, Werften und Palazzos der Stadt die Kollektionsbilder auf. Die Aufnahmen mit dem Titel „Mirror the World“ zeigen die Probleme mit dem Massentourismus und die Auswirkungen des Klimawandels in Venedig.

Mehr Informationen, wie Venedig gerettet werden kann, gibt es auf www.weareherevenice.org

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Lifestory-Session geführt von Moritz Seidel, Gründer von MYBESTBRANDS

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