Wer als unbeschriebenes Blatt seinen ersten Auftrag gleich von der „Vogue“ erhält, für den ist eine großartige Karriere doch eigentlich vorprogrammiert. Der Münchner Illustratorin Kera Till ist das passiert – mit ihren genialen Zeichnungen verschönert sie seit ihrem Anfangs-Coup die visuellen Elemente von weltberühmten Traditionshäusern wie Hermès, Ladurée oder dem Bayerischen Hof und lebt dank einer richtigen Entscheidung ihren Lebenstraum.

Kera Till
MYBESTBRANDS: Dass Sie heute eine der erfolgreichsten Illustratorinnen Deutschlands sind, haben Sie einem Zufall zu verdanken, oder? Immerhin haben Sie zur richtigen Zeit die richtige Person getroffen, die Ihnen einen ganz besonderen Rat gegeben hat …

Kera Till: Als ich mein Praktikum bei Net-A-Porter gemacht habe, hat mich die Art Direktorin ermutigt, meine Skizzen professionell aufzubereiten und mir geraten, ein richtiges Portfolio aufzustellen. Dieser Tipp hat meine Karriere ins Rollen gebracht! Ich hatte bis dahin einfach nur ein kleines Skizzenbuch.

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War dies auch der entscheidende Wendepunkt in Ihrem Leben?

Ja, diese Zeit war entscheidend, weil ich den Mut gefasst habe, das professionelle Illustrieren auszuprobieren. Die „amerikanische“ Stimmung bei Net-A-Porter, bei der vor allem auf die Verkaufszahlen und somit auf den Erfolg geschaut wird, hat mich extrem motiviert: Auch wenn ich nur eine kleine Praktikantin war und man diese Stimmung natürlich auch kritisch sehen muss, hat mich die Arbeit in einem erfolgreichen Unternehmen sehr inspiriert. Das hat mich so sehr angesteckt, dass ich mir diesen Traum auch erfüllen wollte!

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Living

Ihr Vater war Museumsdirektor, ihre Mutter Künstleragentin – wie sehr haben die Berufe Ihrer Eltern Sie geprägt?

Ich glaube mich hat es geprägt, in was für einem Umfeld ich aufgewachsen bin. Um mich herum waren sehr viele Bücher, viel Papier und kreative Leute.

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Sie haben ein Politikstudium abgeschlossen – war dies eine Absicherung, falls es mit dem Illustrieren nicht klappen sollte?

Mit Anfang 20 wusste ich noch nicht, dass man auch hauptberuflich als Illustratorin arbeiten kann, schon gar nicht im Bereich Lifestyle, Beauty und Mode. Das Illustrieren war da nicht mehr so präsent wie es bereits in den 50ern gewesen ist und wie es jetzt wieder ist. Mich hat mein Studium interessiert, aber gegen Ende war mir schon klar, dass mein beruflicher Weg mich zum Illustrieren führt.

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Warum hat es Sie überhaupt nach London – zu Net-A-Porter – gezogen?

Ich wollte mein Englisch verbessern, das im Gegensatz zu meinen Freunden nicht so gut war. Dafür wollte ich unbedingt nach London. Damals habe ich noch nicht als Illustratorin gearbeitet, sondern habe mitten im Studium gesteckt. 2004 gab es online noch nicht so viele Modeseiten, Net-A-Porter hab ich mir immer angeguckt. Da hab ich gesehen, dass sie eine Assistentin für das Londoner Studio suchen. Dort wurde ich ja auch ermutigt, das mit den Illustrationen mal auszuprobieren.

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Thinking

Welchen Teil Ihrer täglichen Routinen genießen Sie am meisten?

Aufzustehen, mir einen Kaffee zu machen und dann wieder zurück ins Bett zu gehen. Dort beantworte ich die ersten Mails und plane den Tagesablauf.

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Welche Macke oder welchen Tick haben Sie? 


Ich habe mein Handy die ganze Zeit in der Hand und muss mir alles aufschreiben. Bestimmt denken manche, ich sei verrückt, wenn ich mir endlose To-do-Listen mache. Ich google auch immer permanent, wie man diese Listen am besten machen kann: Alles aufschreiben und dann erledigen, oder alles, was unter zwei Minuten dauert, sofort erledigen und den Rest aufschrieben.

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Welche Emoticons haben Sie als letztes verschickt?

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Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

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Das ist ja fast ein Klischee: Künstler, die geniale Arbeiten hervorbringen, sind im Alltag etwas chaotisch.

Oh ja! Ich wäre wahnsinnig gerne strukturiert, werde es aber wahrscheinlich nie sein. Ich bewundere Menschen, die sehr früh aufstehen und ganz früh ganz viel erledigen. Ich kann wahnsinnig lange wach bleiben, aber so wirklich arbeiten kann ich dann nicht mehr. Da stelle ich mir lieber früh den Wecker und mache nachmittags ein Nickerchen.

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Was würden Sie heute anders machen als noch vor zehn Jahren? 


Ich würde mir weniger Sorgen um die Zukunft machen.

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In welcher Situation haben Sie sich schon mal in Grund und Boden geschämt?

Wenn ich vor anderen Leuten hinfalle, erst vor einer Woche in Hamburg ist mir das passiert. Ich falle oft hin!

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Wer sind ihre Helden in der Fantasie?

Dottie Polka, mein alter Ego aus meinem Kinderbuch.

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Was würden sie gerne an sich ändern?

Was könnte ich da jetzt Lustiges sagen? Ich wäre gern sportlich!

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Sie sagten in einem früheren Interview, dass Sie sich nichts aus Mode machen. Trotzdem haben sie ihren eigenen Style! Wie passt das zusammen? Wie gehen Sie morgens beim Anziehen vor?

Das ist von meinem Tagesablauf abhängig. Bis jetzt mache ich mir keine Gedanken, weil ich ja von zu Hause aus arbeite. Dann ziehe ich an was so rumliegt, blickdichte Strümpfe, darüber einen längeren Pullover, oder Rock und einen Pullover. Jeans finde ich immer so ungemütlich – das wird sich jetzt ändern, wenn ich ein Büro habe, dann ziehe ich vielleicht auch mal wieder eine Hose an. Sonst habe ich UGGs und Birkenstocks an. Es ist Jahre her, dass ich morgens aus dem Haus musste. Natürlich kommen Leute zu mir, und ich laufe dann nicht im Jogginganzug rum, ich schaue schon, dass es ok ist. Aber ich mache nicht so viel mit hohen Schuhen oder Makeup, aber das wird sich dann bestimmt ändern, wenn ich jeden Morgen ins Büro muss.

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Was war die erste größere Anschaffung, in die Sie investiert haben?

Handtaschen, die erste war die Mulberry oder eine Woolrich.

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In welcher Situation waren Sie das letzte Mal unpassend gekleidet?

Ich bin wahrscheinlich immer etwas underdressed. Aber das ist mir lieber als overdressed.

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Welches Teil in Ihrem Kleiderschrank hat den größten ideellen Wert und was ist die Story dahinter?

Ich hab viele Jeans von meinem Vater, die schrecklich sind! Ich kann die nicht anziehen und habe sie einfach nur so in meinem Schrank. Für den Fall, dass ich mal anfangen sollte zu malen. Dann hängt da noch ein YSL-Mantel, ein dünner Sommermantel von einer Freundin von meinen Eltern. Und ein Pyjama von meiner Oma, den ich ganz toll finde.

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Kera TillKera Till
Glauben Sie, dass Ihre Kleidung das ausdrückt, was Sie gerne damit ausdrücken wollen?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Eigentlich hätte ich gern eine Uniform, die ich immer anziehen kann.

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Verbessert oder verschlechtert sich Ihre Laune auf High Heels?

Sie verschlechtert sich. Ich mag es nicht so groß zu sein.

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Lifestory-Session geführt von Kirsten Gruel, PR-Managerin von MYBESTBRANDS

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