Ein Leben zwischen beschaulichem Zillertal und lebhaftem London: Der Österreicher Andreas Kronthaler ist Chefdesigner und Ehemann von Vivienne Westwood. MYBESTBRANDS-Gründer Moritz Seidel hat er bei einem Treffen in London erzählt, warum ihn seine Großmutter so geprägt hat und warum seine Frau seine Seelenverwandte ist.

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MYBESTBRANDS: Sie haben gerade ihre eigene Linie vorgestellt - aus dem Gold Label ist Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood geworden – erzählen Sie uns doch ein par Details dazu.

Andreas Kronthaler: Auf die aktuelle Kollektion von Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood bin ich sehr stolz. Ich habe mich dafür von den Kutten der Mönche inspirieren lassen. Diese Kleidungsstücke gibt es schon seit Jahrtausenden und sie wird es auch immer geben. Und noch eine Sache war bei der Kollektion wichtig für mich: Am letzten Tag vor der Show zur hatte uns der DJ die Musik für die Show um 3 Uhr nachts geschickt. Mir hat das Ganze gar nicht zugesagt, deshalb musste er um 4 Uhr nachts in den Showroom kommen und wir haben erneut daran gebastelt. Es war aber alles sehr halbherzig und irgendwann ist dem Musiker der Kragen geplatzt und er ist um 6 Uhr morgens nach Hause. Normalerweise würde ich in einer solchen Situation in Panik ausbrechen, aber zu dem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass sich etwas ergeben würde. Diese Situation steht symbolisch für die ganze Kollektion. So eine Erfahrung hatte ich noch nie gemacht. Deshalb war das sehr wichtig. Auch die Leute um mich herum haben das gespürt.

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Was ist dann passiert?

Wir haben doch noch einen sehr guten Musiker gefunden. Aber wichtig ist da einfach das Vertrauen. Einfach mal was geschehen lassen – dafür musste ich aber erst so alt werden. Die Chinesen haben einen Begriff dafür: Die Kunst des Nichts-Tun.

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Mussten Sie in Ihrem Leben große Wagnisse eingehen?

Nein, die Dinge haben sich immer irgendwie ergeben. Ich musste mich nie um diese Dinge kümmern. Ich war natürlich immer fleißig, aber ich habe es nie des Geldes Willen gemacht. Aber ich gehe gerne Risiken ein, weil ich immer im Hinterkopf habe, dass es schon gut gehen wird. Ich habe auch eine andere Seite: ich kann sehr temperamentvoll sein. Doch das hat mittlerweile abgenommen, mittlerweile mit ich sehr balanciert.

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Sie kommen aus dem Zillertal im Österreich und haben Ihre Kindheit in Kitzbühel verbracht. Seit über 25 Jahren leben Sie in London – vermissen Sie die Berge?

Ja, vor allem in den letzten Jahren. Ich war über 20 Jahre nicht mehr in meiner Heimat – als ich zurückkam, war alles verändert. Als Kind – daran kann ich mich noch erinnern – kam nach der Kirche weit und breit nichts und dann irgendwann das Bauernhaus meiner Oma. Man hatte bis nach Kitzbühl eine Wiese, jetzt ist alles zugebaut. Das tut mir leid und hat mir ein bisschen wehgetan im Herzen. Mit Natur, Verbundenheit, Tradition hat das nichts mehr zu tun. Der Brauch, das Gebräuliche, die Schönheit, die Einfachheit fehlt.

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Was bedeutet Ihre Heimat für Sie?

Ich verbinde mit der Gegend immer etwas Süßliches. Die Leute sind weicher, hübscher und lustiger und lachen viel. Meine Großmutter kam aus einer Großfamilie mit neun Kindern und sie war eine bemerkenswerte Frau. Sie hat diese Gegend so verkörpert und hatte eine enge Verhaftung. Sie war sehr liebevoll, elegant und eine große Erzählerin, eine fantastische Köchin und eine wichtige Frau in meinem Leben.

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Was haben Sie von Ihrer Großmutter für das Leben gelernt?

Alles was sie gemacht hat, war einwandfrei. Immer das Beste vom Besten. Ich habe mich immer gefreut, wenn sie zum Bügeln zu meiner Mutter kam und mir Geschichten erzählt hat, wie das Leben damals war. Sie stammt aus der Koidl-Familie, der auch das Grand Hotel in Kitzbühel gehörte. Dort hat meine Großmutter in den 30er Jahren kochen gelernt. Irgendwann sagte sie: Andreas, im Grunde genommen gibt es zwei Arten von Menschen: das Weizenkorn und das Smaragd. Und es sieht so aus wäre ich ein Smaragd. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Das Weizenkorn sorgt für alles Lebensnotwendige und ein Smaragd macht alles schöner.

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Nehmen Sie auch Ihre Frau Vivienne Westwood mit in Ihre Heimat?

Mein Bruder ist Bauer und verbringt seit seiner Kindheit den Sommer auf unserer Alm. Vivienne und ich fahren im August auch immer ein oder zwei Wochen hin. Als Kind wollte ich stattdessen immer lieber ans Meer oder nach Italien. Es ist aber extrem wichtig, dass Kinder so viel Zeit wie möglich in der Natur verbringen, man tankt da was für sein Leben. Auch meine Stärke rührt daher – diese Kraft und Ausdauer. In einem urbanen Umfeld, das sich ständig verändert, da funktioniert das nicht.

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Gab es Momente, die Ihr Leben entscheidend verändert haben?

Das war sicher das Kennenlernen von Vivienne, das war bestimmt der gravierendste Moment meines Lebens. Ich spürte das erste Mal, dass da jemand ist, der denkt wie ich. Sie hat mir aus der Seele gesprochen. Ich glaube, das passiert jedem irgendwann mal im Leben.

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Gab es schon vorher Entscheidungen, die aus heutiger Sicht einschneidend waren?

Ich bin bereits mit 14 Jahren aus meiner Heimat weggezogen und habe in Graz eine Schule für Goldschmiede besucht. Ich bin dort in eine WG eingezogen, im 4. Stock, und kann mich noch genau erinnern wie meine Eltern weg gefahren sind, ich habe dann auch geweint. Irgendwas ist abgeschnitten worden und das war sehr schmerzhaft.

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Sind Sie danach nie zurückgekommen?

Doch. In den Sommerferien habe ich immer in Tirol gearbeitet, im Hotel meiner Tante Monika. Immer dort, wo es jemanden gebraucht hat, im Ausschank oder an der Rezeption. Da hab ich ein bisschen Geld verdient. Dann habe ich angefangen zu nähen und meine Tante war meine beste Kundin, sie hat mir alles großzügig abgekauft und davon hab ich dann gelebt.

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Sind Sie dadurch zur Mode gekommen?

Nein, das wollte ich eigentlich schon als kleiner Bub. Ich kann mich auch erinnern, als ich ca. 16 Jahre alt war, hatte ich eine genaue Vorstellung - schon eher ein Traum-, wo ich in meinen 30ern bin. Ich bin wirklich so geworden, wie ich mir es vorgestellt und erträumt hatte. Es war ein besonderes Erlebnis, dass alles so in Erfüllung ging. Es ist ein gutes Zeichen, dass wenn man sich Dinge vornimmt und auch etwas dafür macht, dass es dann auch in Erfüllung geht. Natürlich musst man dafür arbeiten, man muss nur den Mut dazu haben, sich seine Träume zu erfüllen.

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Man sagt ja: Was immer du machst, wenn deine Energie in eine Richtung geht, beeinflusst es dein Leben. Diese Einstellung hatten Sie offensichtlich schon sehr früh in Ihrem Leben, das ist selten bei Menschen.

Ja, das stimmt. Leider habe ich sie irgendwann verloren. Erst in den letzten Jahren erinnere ich mich daran. Ich habe mich gefragt: Wo ist die Leidenschaft? Wo sind meine Träume? Leider gehen die Menschen dazu über, sich ihre Träume zu erkaufen. Das ist mir sehr wichtig: Man kann kein Leben führen, ohne für seine Träume zu arbeiten.

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Fashion

Welches Teil in Ihrem Kleiderschrank hat den größten ideellen Wert und was ist die Story dahinter?

Ich mag alle meine Sachen gerne und gebe eigentlich nichts weg. Ich hänge an allem. Schuhe liegen mir sehr am Herzen. Schuhe sind schön. Man geht durchs Leben und das auf Schuhen. Es müssen Schuhe sein, die zu einem passen, auch zum Gesicht. Ich mag die Sachen von Reiter sehr gerne. Das sind Entwürfe aus dem 15. Jahrhundert. Der älteste Schuhmacher aus Europa. Tolle Leisten.

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Der neue Trend geht ja hin dazu, nur noch das zu machen was der Markt verlangt. Es ist zwar gut auf den Kunden zu hören, aber man darf nicht vergessen, dass es auch eine sehr kurzfristige Art zu denken ist.

Das ist ein bisschen so wie beim Bäcker. Wenn er anfangen würde immer nur das Brot zu backen, das am besten läuft und alles andere einstellen würde, dann geht das weniger Beliebte verloren. Das stirbt aus sozusagen und das ist ein wahnsinniger Verlust. Bei Mode ist es anders. Hier ist der Prozess wichtig. Wenn es dann als fertiges Teil hängt, dann ist es abgeschlossen und es kommt das nächste. Wir archivieren alle Kollektionen natürlich, davon zehrt ein Haus natürlich auch. Neue Dinge werden oft nicht sofort angenommen, erst nachdem man es ein zweites und drittes Mal gesehen hat, bekommt man Lust es anzuprobieren beispielsweise. Gut Ding will einfach Weile haben, ähnlich wie beim Wein.

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Wenn man sich die Fashionindustrie anschaut, dann ist dort auch vieles ad absurdum geführt.

Ich finde in den letzten Jahren ist es weniger dem Konsum zugetan. Leute überlegen es sich schon was sie kaufen und es geht um Qualität.

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Stimmt, es gibt zwei Seiten. Fashion ist auch ein Kommunikationsmedium, denn das Interessante ist: Jeder muss sich anziehen. Und – gerade für Frauen – ist Mode ein sehr einflussreiches, weil emotionales Thema.

Mode hat sehr viel mit Jugend zu tun. Das habe ich mittlerweile begriffen. Natürlich gibt es Leute, da spielt Mode das ganze Leben lang eine Rolle. Es ist auch eine kulturelle Frage, irgendwann will man gefallen, dann einfach gepflegt sein und irgendwann nur noch Dinge aufregt erhalten. Die Erscheinung hilft einem. Dinge wiederholen sich und diese Bewegung entsteht durch die jungen Menschen. Für sie ist es ja wiederum was Neues. Deshalb erfindet sich Mode immer wieder neu.

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Laut Ihrer Frau Vivienne Westwood haben Sie mal gesagt: „Das perfekte Kleid zu kaufen, kann helfen, den Klimawandel zu stoppen. Treibt Sie Nachhaltigkeit grundsätzlich in Ihrer Arbeit an? Die tiefere Bedeutung von Mode?

Ich strebe danach, dass die Dinge, die ich mache, von Dauer sind. Das steht eigentlich im Gegensatz zur Mode, wo doch alle von kurzer Dauer sein soll. Damit kann ich aber nichts anfangen, weil mich Dinge enttäuschen, wenn sie von schlechter Qualität sind. Mich haben immer Dinge interessiert, die von Bestand sind.

Ich glaube, ich bin aber auch immer sehr von Gegensätzen angezogen und lebe immer so hin und her gerissen vor mich hin. Ich bin nachhaltig denkend, aber ich mag auch das Üppige und das Große. Ich mag den Maler Renoir gerne, den mag eigentlich keiner. Er sagt, wenn er eine Blumenvase arrangiert um sie zu malen, dreht er sie um, um diese dann aus einem anderen Blickwinkel zu malen. Das versuche ich auch immer. Jedes Ding hat immer zwei Seiten.

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Wie entwerfen Sie?

Ich baue meine Entwürfe wie ein Tagebuch auf, wie Stein auf Stein. Das geschieht im Atelier und in enger Zusammenarbeit mit den Leuten die nähen, denn es interessiert mich sehr wie man etwas macht. Das hat einen sehr großen Einfluss auf das Design. Man strebt nach Einfachheit, dass Dinge ihre Logik haben. Natürlich ist Komplexität ist auch interessant, aber ich bin am glücklichsten, wenn ein Kleidungsstück aus wenigen Schnittteilen besteht und nicht ewig dauert. Unnötige Dinge muss man einfach wegzulassen. Ich mag Dinge, die lange halten.

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Es ist also eine Motivation für Sie, dass Sie Dinge machen, die Sie in 10 Jahren immer noch tragen. Ist das eine treibende Kraft? Denn die aktuelle Kollektion hat durch ihren Bezug zur Vergangenheit eine unglaubliche Energie.

In die Kollektion sind viele Gedanken gegangen. Was auch immer man macht, gut Ding will Weile haben. Am Ende kann man spontan sein, aber ich muss für die Spontanität immer vorbereitet sein. Vivienne fängt sofort an etwas Konkretes zu bauen, ich muss sehr viele verschiedene Bausteine auf den Tisch bekommen und entscheide dann, was wichtig ist. Das ist sehr ermüdend und aufwendig, aber so mag ich es.

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Nehmen Sie sich immer ein bestimmtes Thema vor?

Nein, muss nicht sein, die Inspiration kann von überall her kommen. Gestern hat mir jemand erzählt, dass bei einem Event alle in Camouflage und Schwarz kamen. Das notiere ich mir und entscheide zu einem späteren Zeitpunkt ob ich es verwende. Vielleicht führt es mich auch wieder zu einer anderen Idee. Man braucht einfach etwas Geduld.

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Lifestory-Session geführt von Moritz Seidel, Gründer von MYBESTBRANDS

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